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3 Antworten zu About

  1. Kai Ruhsert schreibt:

    Auf https://benjaminarendtinstitut.wordpress.com/2011/06/19/ist-kritik-an-israel-antisemitisch-die-rechtfertigung-des-stefan-ziefle/ schreibt Stefan Ziefle: „Vor wenigen Tagen hielt ich auf dem Kongress „Marx is muss 2011″“ ein Referat zum selben Thema, das hier nachgelesen werden kann: http://marx21.de/images/MIM2011/ist%20kritik%20an%20israel%20antisemitisch.pdf

    Das mag seine Vorlage gewesen sein. Doch der Vortrag, den er tatsächlich hielt, unterscheidet sich davon an einigen Stellen deutlich:

    Transkript des Vortrags von Stefan Ziefle mit dem Titel: „Ist Kritik an Israel antisemitisch?“ (gehalten auf der „Marx is Muss Conferenz 2010“ in Berlin):

    Der Holocaust ist sicherlich das Verbrechen, das das 20. Jahrhundert am deutlichsten geprägt hat, und das eines der bedeutendsten, in einem sehr negativen Sinne, Verbrechen der Menschheitsgeschichte gewesen ist.
    Eigentlich wäre es für Linke erforderlich, oder wenn man sich mit der Frage des Antisemitismus und die aktuelle Bedeutung für die Debatten heute auseinandersetzt, sich auch mit der Entstehungsgeschichte und den Begründungszusammenhängen des Holocaust auseinanderzusetzen, was ich jetzt leider an dieser Stelle nicht tun kann. Aber ich denke, das kann ich auch allen nur empfehlen, das wirklich mal zu machen, sich damit auseinanderzusetzen, auch aus einer linken, einer marxistischen Perspektive, wir müssten, glaube ich, auch sehr gute Auseinandersetzungen zu dem Thema auf dem Büchertisch haben, wenn ich das richtig erinnere. Kann ich jedem nur empfehlen, sich das mal anzusehen.
    Vor allem bedeutet natürlich die Tatsache, dass dieses Verbrechen stattgefunden hat, dass wir als Linke heute die Herausforderung haben, ein ähnliches Verbrechen in derselben Form oder in einer anderen Form zu verhindern. Für die Zukunft. Das ist eine Herausforderung, das ist eine Aufgabe, die uns sozusagen aus dem 20. Jahrhundert und diesem Verbrechen in der Vergangenheit für heute auch mitgegeben wurde. Und das bedeutet aber, dass natürlich der Vorwurf, dass etwas, was Linke tun, antisemitisch wäre und in einem Zusammenhang stehen könnte mit dem Holocaust oder einer Wiederholung des Holocaust ein sehr, sehr schwerwiegender Vorwurf ist, mit dem man sich ernsthaft auseinandersetzen muss, zumindest solange er ernsthaft vorgebracht wurde.
    Und ich denke, dass das etwas ist, worüber wir nicht drumrumkommen, uns inhaltlich mit auseinanderzusetzen.
    Und deswegen werde ich werde ich versuchen, jetzt mal ganz kurz, in der gebotenen Kürze, die Argumentationsstruktur dieses Vorwurfes darzustellen.
    Der erste Punkt dieses Arguments läuft darauf hinaus, dass man sagt, Israel, die Gründung des Staates Israels, ist die notwendige Schlussfolgerung, die notwendige Konsequenz aus dem Holocaust selber. Das bedeutet: In dem Augenblick, wo man die Staatsgründung Israels in Frage stellt, für falsch erachtet, wie auch immer, kritisiert, nicht sozusagen da zu 100% hintersteht, dann wäre das gleichbedeutend mit, dass man die Lehre aus dem Holocaust nicht gelernt hat und nicht verstanden hat.
    Das ist der erste Punkt.
    Der zweite Punkt ist: Israel ist nicht irgendein Staat, sondern Israel ist ein jüdischer Staat. Jüdischer Staat, das hat eine Reihe von Aspekten, was das bedeutet, ich werde da nachher nochmal dazu kommen, was da außerdem auch noch als Konsequenz daraus resultiert, da setzt dann auch Kritik ein meinerseits, aber jüdischer Staat bedeutet in erster Linie erst einmal, dass eine Gleichsetzung gemacht wird, dass alles, was an Kritik an Israel stattfindet, automatisch an einem jüdischen Staat Kritik ist und damit natürlich auch irgendwie an Juden oder vielleicht gar an allen Juden, weil Israel ist ja der Staat aller Juden.
    Das ist das zweite. (… unwichtiger Einwurf aus dem Publikum … )
    Das dritte Element in diesem Argument ist, dass dieser jüdische Staat umgeben ist – also das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen, das ist der jüdische Staat, in dem die Überlebenden des Holocaust ihre neue Heimat finden, und der dann eben umringt ist, so die Argumentation, von einem Heer von Feinden. Von Feinden, die diesen jüdischen Staat zerstören wollen, und am liebsten alle seine Bewohner umbringen möchten.
    Und in dieser Situation, so wie sie da dargestellt wird, wenn man das sozusagen alles so akzeptiert, wie es ist, dann kommt man zu folgender Schlussfolgerung wie das ORG-Institut, das ist ein Think tank, ein neoliberaler Think tank, der in Tel Aviv sitzt und nahe an der israelischen Regierung ist, kommt dann zu dem Ergebnis, dass eine fundamentale Delegitimierung Israels die aktuelle Form des Antisemitismus darstellt.
    Das heißt, wenn ich also in irgendeiner Form dazu beitrage, dass Israel nicht mehr in der Lage ist, mit allen militärischen oder welchen Mitteln auch immer es für richtig hält, sich gegen die Feinde um sie herum zur Wehr zu setzen, dann bin ich automatisch Antisemit.
    Das ist Antisemitismus.
    Und das bedeutet natürlich, dass jede Kritik an Israel, die die Handlungsfähigkeit der israelischen Armee vielleicht einschränkt, oder die die Handlungsfähigkeit der israelischen Politik oder was auch immer einschränkt, automatisch antisemitisch ist.
    Und ich denke, es ist relativ offensichtlich, also für mich, also ich weiß nicht sozusagen, wie Ihr das seht, das ist sozusagen in dieser Konsequenz, denke ich, relativ offensichtlich blödsinnig, und ich werde versuchen zu erklären, warum das so nicht funktioniert.
    Also erstmal: Die jüdische Nationalbewegung, der sogenannte Zionismus, das ist keine Bezeichnung, die ich gewählt habe, das ist die Selbstbezeichnung der Bewegung, ist wesentlich entstanden vor dem Holocaust, ist entstanden im Prinzip in den Achtzigern; es gibt traditionelle Vorläufer, aber als politische Bewegung entstanden in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Einer der bedeutenden Vordenker war Theodor Herzl. Es gab eine Reihe von Konferenzen usw., auf denen die programmatischen Eckpunkte dieses Zionismus festgelegt worden sind. Dieser Zionismus ist entstanden in einer Zeit, in der Europa, und es ist entstanden in Europa, es ist eine europäische Bewegung, wenn man so will, eine europäische Nationalbewegung, in einer Zeit, in der eine Reihe von Nationalbewegungen entstanden sind.
    Wir haben kurz davor die Gründung des Deutschen Reiches, nur etwa hundert Jahre davor ist im Prinzip der moderne deutsche Nationalismus entstanden, eine ähnliche Bewegung in Italien, wir haben auf dem Balkan eine Reihe von Nationalbewegungen, es ist, wenn man so will, eine zeitgemäße Modeerscheinung, Nationalbewegungen zu haben, und die Vorstellung zu haben, dass, wenn man seinen eigenen Nationalstaat bildet, dass man darin besser leben kann als wenn man also in einem sogenannten Vielvölkerstaat wohnt oder mit anderen Völkern zusammen.
    Die gesamte Argumentation ist offensichtlich völkisch. Also das heißt: Man definiert die Menschheit in verschiedene Rassen, das war damals üblich. Da gibt’s halt die nordische Rasse oder die arische Rasse, und da gibt’s die jüdische Rasse, und da gibt’s die afrikanische Rasse, und da gibt’s diese und jene usw.., und unterteilt die Menschheit dadrin und sagt sozusagen: So, also die können nicht miteinander leben, die verschiedenen Rassen, oder die einen sind besser als die anderen und deswegen haben sie das Recht, die anderen zu verdrängen, und die sind überlegen und die anderen sind dann halt eben nicht lebensfähig oder haben nicht die Berechtigung zu leben.
    Das ist, im Prinzip, dieses Gedankengut ist eine der wesentlichen Quellen für den Nationalsozialismus gewesen, natürlich ideologisch, und auch für den Holocaust dann, also weil das sozusagen die Zuspitzung auf die Vernichtung, die Eliminierung, die systematische, industrielle Vernichtung einer als Rasse definierten Gruppe in der Gesellschaft hinausläuft. Aber natürlich ist das nicht das einzige Kind; der Holocaust und der Nationalsozialismus sind nicht das einzige Kind dieser Ideologie und dieser Zeit, sondern der Zionismus, selber in dieser Zeit entstanden, ist sehr, sehr stark geprägt worden.
    Ich möchte das anhand von ein paar Beispielen zeigen.
    Der wichtigste amerikanische Vertreter des Zionismus der damaligen Zeit, ein Richter, Louis Brandeis, hat z.B. das jüdisch sein als eine Frage des Blutes definiert. Also hier geht es nicht mehr, sozusagen, um Religion.
    Da würde ich ja mal sagen, Judaismus ist ja eine Religion, und bei Religionen ist es so: Man kann konvertieren, im Mittelalter war das völlig selbstverständlich; Juden konnten zum Katholizismus konvertieren, es war auch möglich, andersrum zu konvertieren, es war übrigens nicht ganz unüblich, auch in der damaligen Zeit, zum Judaismus zu konvertieren, wenn bestimmte ökonomische Rahmenbedingungen gegeben waren usw. war das sehr attraktiv, weil das bestimmte Rechte auch mit sich brachte – wie auch immer. Sozusagen: Religion bedeutet: Man kann sich entscheiden, ich will die eine oder ich will die andere usw..
    Aber wenn das eine Frage des Blutes ist, geht das natürlich nicht, das Blut ist halt das Blut, ja, und das ist eben das zentrale Element von Rassenideologien, dass man diese Kriterien, dass man die Eigenschaften, die man bestimmten Gruppen zuweist, dass die unveränderlich ist, dass man nicht entscheiden kann, ich nehme eine andere Religion an oder ich nehme eine andere Lebensgewohnheit an, oder was auch immer, sondern ich bin festgelegt, durch die Biologie, durch das Blut, durch die Gene. Heute redet man von Genen, das war damals noch nicht so bekannt, aber die Argumentation ist relativ ähnlich.
    Führende Zionisten der damaligen Zeit argumentierten dann halt also in Umdrehung des antisemitischen Arguments (verschiedene Rassen, die Juden eine davon und sind minderwertig), die haben’s umgedreht und gesagt: Nein, nein, die Juden wären die reinste aller Rassen, und es wurde z.B. kritisiert, wenn es halt also so ne Art Rassenschande, bei den Nazis hieß es dann Rassenschande, wenn der Rassencharakter verlorenginge von Juden durch Heirat mit Nichtjuden, also das wurde sehr stark verurteilt in der zionistischen Bewegung, nicht in den jüdischen Gemeinden.
    Da muss man sich drüber im Klaren sein: Was ich hier jetzt referiere über Zionisten, das beschreibt wirklich eine klitzekleine Minderheit der jüdischen Gemeinden der damaligen Zeit, nämlich diejenigen, die eben diese völkische Ideologie sich zu eigen gemacht haben, um letzten Endes einen eigenen Staat zu bilden.
    Und es gibt eine Erklärung vom Exekutivkomitee der World Zionist Organization, das war die erste zionistische Organisation … in der es heißt (und zwar diese Erklärung ist von 1964, die ist sehr, sehr spät schon in dieser Entwicklungsphase, aber die zeigt noch mal diese Ideologie), und darin wurde gesagt: „Die Gefahr der Assimilation sei die größte Gefahr für das Überleben des jüdischen Volkes, sogar noch bedrohlicher als Verfolgung, Inquisition, Pogrome und Massenmord.“
    Für mich als Linken ist das … also ich finde Assimilation jetzt nicht im Sinne einer erzwungenen Assimilation irgendwie wünschenswert, aber dass wir alle, wenn wir gemeinsam leben, auch uns ähnlicher werden gegenseitig, finde ich jetzt erst einmal nichts prinzipiell Schlechtes.
    Aber in der zionistischen Bewegung bis eben Mitte des 20. Jahrhunderts, und das wird heute auch nicht anders gesehen, wird das wahrgenommen als die größte Bedrohung für das jüdische Volk, so wie es definiert ist.
    So, und diese zionistische Bewegung hat sich ein Ziel gesetzt, einen Fokus gesetzt: Die Gründung eines Staates, eines Staates Israel, der eine Heimstätte für alle Juden sein sollte. Also das ist ja auch völlig logisch, dass jede Nationalbewegung als Ziel hat, einen eigenen Nationalstaat zu gründen. Das haben die Serben gemacht, haben die Deutschen gemacht usw.. Das ist sozusagen logisch.
    Der Unterschied zu anderen Nationalbewegungen allerdings ist, dass die zionistische Bewegung kein eigenes Territorium hatte, d.h. es gibt kein Siedlungsgebiet, auf dem Juden hauptsächlich wohnen – siedeln. Ja, diese ganze Idee sozusagen mit „Du hast eben verschiedene Ethnien mit verschiedenen Siedlungsgebieten, und dann zieht man nationale Grenzen usw.“ Ist sowieso immer ein bisschen suspekt, wir sehen sozusagen in Jugoslawien, was passiert. … Die Aufteilung von Territiorium anhand von ethnischen Grenzen mit den Konsequenzen, die das in der Logik hat, ethnische Säuberung ist da ja praktisch implizit, das ist sowieso kein linkes Konzept. Aber wenn man dann außerdem auch noch nicht einmal ein kleines Stückchen Territorium hat, oder nicht ein Territorium hat, wo man Mehrheit der Bevölkerung ist, wo man dann sagen kann, OK, das wird jetzt unser Staat, dann wird‘s besonders kompliziert. Und deswegen war der zentrale Kampfruf der frühen, zionistischen Bewegung „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“.
    So.
    Und da waren die relativ wahllos, also Herzl z.B., der Gründer der Bewegung, hat gespielt mit dem Gedanken also die Briten zu fragen, ob man nicht in Uganda da irgendwie, na also, so‘n Land haben kann.
    Das war denen nicht so wichtig, dass es unbedingt Palästina sein muss. Aber der Punkt mit Palästina war natürlich dass über die Bibel es die Möglichkeit gab, also einen Begründungszusammenhang gab, der es ermöglichte, auch innerhalb der jüdischen Gemeinden von Leuten, die erst mal der zionistischen Bewegung nicht nahe standen, Unterstützung zu gewinnen. Und deswegen hat sich letzten Endes die Vorstellung, also die Hoffnung durchgesetzt, der Wunsch durchgesetzt, dass dieses Israel, dieser neue jüdische Staat, in Palästina sein soll.
    Jetzt ist das Problem natürlich dass Palästina in der damaligen Zeit, also unter osmanischer Herrschaft zu dem Zeitpunkt und dann später das britische Mandatsgebiet Palästina, alles andere als leer war. Das war eines der am dichtesten besiedelten Gebiete außerhalb Westeuropas.
    Gut, mit einer existierenden, funktionierenden Gesellschaft, mit Kultur und allem Möglichen, und das natürlich auch noch mal ein Unterschied zu Nordamerika und Australien, wo 150 oder 200 Jahre früher Kolonisten aus Europa hingekommen sind. Da gab es zwar auch Kulturen, aber das waren halt Steinzeitkulturen, und es war relativ einfach, die dann zu eliminieren. Ich sage nicht, dass das moralisch gerechtfertigt ist und dass man das machen soll, ich sage, es war relativ einfach, die zu eliminieren, und das ist halt mit einer Bevölkerung, die mehrere Jahrhunderte zivilisatorische Entwicklung hat, die auf modernen – vielleicht nicht so wie in Westeuropa mit der Industrialisierung, die schon stattgefunden hat, aber mit einer funktionierenden, differenzierenden Ackerbaugesellschaft usw. usw. und natürlich mit Verbindungen in den gesamten arabischen Raum usw. usw.
    Und das ist nicht so einfach gewesen für die neuen Kolonialherren, dann dort diese Bevölkerung loszuwerden. Aber die Idee ist von Anfang an genau diese. Wir wollen dieses Territorium, und das soll leer sein gefälligst, dafür sorgen wir.
    Und so haben sie angefangen, dafür zu sorgen, von den frühen 1920er Jahren an, im Sinne von – man muss sich das so vorstellen: Es gibt Organisationen wie die World Zionist Organization, oder den Jewish Fund oder was auch immer, die sammeln in Europa Geld, die kriegen Geld von allen möglichen Leuten, auch von Antisemiten, die die Juden gerne aus Europa loswerden wollen, das ist denen auch scheißegal, wo sie das Geld herkriegen, Hauptsache, sie kriegen das Geld, und dann kaufen sie ein kleines Stückchen Land in Palästina, und das Land kaufen sie von einem Großgrundbesitzer, der in Beirut sitzt, oder der wo auch immer sitzt, der kein spezielles Interesse an dem Land hat, von dem kaufen sie das Land ab. Da gibt’s allerdings Menschen, Pächter, Bauern, die da seit Generationen leben und das bearbeiten und Pacht bezahlen oder was weiß ich, und die müssen dann weg. Und das ist, wenn man so will, die Quelle, die ursprüngliche Quelle des Nahostkonflikts, wie wir sie heute kennen.
    D.h. Bauern werden von ihrem Land vertrieben, dagegen gibt es Widerstand, es kommt auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, es werden auch, also gut, Terrorismus in dem Sinne sozusagen kann man auf die Zeit nicht zurückführen, aber es gibt auch gewalttätige Demonstrationen, auch in den Städten, in Jerusalem und vor allem in Haifa, gegen die britische Kolonialmacht, die das zulässt, in erster Linie, aber dann auch lokal gegen diese Grundstückseigner, die neuen.
    Diesen Konflikt, den nicht zu verstehen bedeutet nicht zu verstehen, was heute in Palästina passiert. Und das ist genau das Problem, was wir haben. Die Leute, die dann sagen: Ja, aber die Palästinenser wollten die Juden doch ins Meer schmeißen. Der Punkt ist nicht, dass irgendwer irgendwen ins Meer schmeißen wollte. Es geht um soziale Konflikte, es geht um die Möglichkeit, sein Leben, so wie man es selber gewohnt war, weiterzuleben. Und diese Möglichkeit wurde den Palästinensern sukzessive genommen. Nicht allen auf einmal, aber hier ein Stück, da ein Stück, dort ein Stück – bis etwa zehn Prozent des Territoriums in der Hand von diesen zionistischen Organisationen waren.
    Naja gut, und dann mit der Staatsgründung von 1948 gewinnt das sozusagen dramatisch an – nicht nur mit der Staatsgründung, bereits ein Jahr davor hat es eine Reihe von Massakern gegeben an palästinensischer Dorfbevölkerung usw.. Auf diese Weise sind über 500 Dörfer erst entvölkert und dann zerstört worden, das Land ist enteignet worden, und und und … Das Fatale ist ja wie der ganze Mechanismus vonstatten geht. Da werden Gesetze aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, aus der Osmanischen Zeit genommen, um zu rechtfertigen, warum man jetzt dieses Land enteignet von den Bauern. Die Bauern wurden vertrieben 1947, und drei Jahre später wird gesagt: OK, ihr habt das Land drei Jahre nicht bewirtschaftet, und nach dem Gesetz von 1853, glaube ich, aus dem Osmanischen Reich, ist dieses Land dementsprechend Staatseigentum. Nur welcher Staat? Das Osmanische Reich gibt es nicht, das muss dann Israel sein. Und das Interessante ist, dass sie das sogar genau so handhaben in der Westbank, obwohl Israel de facto gar nicht der Staat ist dort, ich meine, das ist ja offiziell gar nicht Israel. Aber es wird trotzdem, nichtsdestotrotz annektiert Israel das.
    Und auf diese Weise wird systematisch die Bevölkerung losgeworden. Mit der Situation, dass wir jetzt rund viereinhalb Millionen palästinensische Flüchtlinge haben, und eine katastrophale Situation im Gazastreifen, eine katastrophale Situation in der Westbank, und keine Perspektive und keine Hoffnung für die Menschen, dass sie jemals wieder unter vernünftigen Bedingungen und in ihrer Heimat und in Freiheit leben können.
    Und das ist der Kontext, in dem heute Organisationen wie die Hamas oder Hisbollah – Hisbollah ist noch ein kleines bisschen ein anderes Thema, im Libanon usw. – zumindest Hamas eine wachsende Bedeutung gewonnen haben in den letzten 15 Jahren angesichts der Erfahrung, dass die PLO mit ihren Verhandlungen, mit ihrer Verhandlungsstrategie von Arafat damals, mit den Osloer Verträgen usw. zu nichts gekommen ist. Es keine Ergebnisse irgendeiner Weise, was Eigenstaatlichkeit der Palästinenser angeht und und und …
    Die gesamte Verhandlungsstrategie ist immer gegen die Mauer gefahren, jedesmal gegen die Mauer gefahren, einfach an der schlichten, einfachen Tatsache, dass es Grundpunkte gibt, die Israel nicht zu verhandeln bereit ist. Im Moment gibt es wieder Gespräche, ob man nicht wieder Gespräche führen soll. Und das sind natürlich solche Fragen wie: Dürfen die Flüchtlinge zurückkehren? Was ist mit Ost-Jerusalem? Was ist mit sozusagen der tatsächlichen Autonomie dann der Palästinensergebiete, also wie eigenständig werden sie dann tatsächlich sein dürfen.
    Das sind kritische Fragen, aber wir kommen immer wieder auf diesen Punkt zurück, wo uns gesagt wird, wenn wir fordern, dass die Flüchtlinge zurückkehren dürfen, wären wir Antisemiten. Und hier haben wir wieder das gleiche Argumentationsschema. Wenn die Flüchtlinge tatsächlich alle zurückkehren würden, was sie gar nicht alle wollen übrigens, das ist ein anderes Thema, weil einige leben in Kanada und den USA, warum sollen die da wieder zurückwollen, oder es gibt auch welche hier, aber zumindest muss man doch anerkennen, dass sie das Recht haben zurückzukehren.
    Aber gut, wenn tatsächlich die Möglichkeit bestünde zurückzukehren, dann würde das etwas produzieren, was die israelische Regierung als sogenanntes demographisches Problem bezeichnet. Denn dann wäre nämlich das, was sie als Juden definieren, in der Minderheit in Israel, und dann wäre es nicht mehr das, was sie als jüdischen Staat verstehen usw. usw.
    Und damit hätte man sozusagen dann auch schlicht und einfach im Prinzip die Lehren des Holocaust nicht verstanden, weil Israel ist eine notwendige Schlussfolgerung, usw. usw.
    Und das bedeutet, dass im Prinzip auch diejenigen auf Seiten der Palästinenser, die wirklich sehr, sehr gemäßigt sind, wie Mahmud Abbas, der aktuelle sogenannte Präsident der Autonomiebehörde, auch solche Leute im Prinzip Antisemiten sind in dieser Diktion, sein müssen, weil sie Sachen fordern, die der Auflösung Israels gleichkämen.
    Gut
    (Hinweis der Moderatorin auf Zeit)
    OK.
    Andererseits ist es natürlich so, dass der aktuelle Zustand nicht beliebig lange aufrechterhalten werden kann.
    Israel kann die Rolle, die es im Moment spielt, nur deswegen spielen, weil sie systematische militärische und ökonomische Unterstützung aus dem Westen bekommen. Vor allem von den USA, aber auch von Deutschland und anderen EU-Staaten. U.a. ein privilegierter Zugang zum europäischen Markt durch Zollfreiheit, da gibt‘s ein entsprechendes Abkommen, usw. usw.
    Diese sogenannte „special relationship“, wie es genannt wird von amerikanischer Seite aus zwischen den USA und Israel, die hat sehr, sehr viel zu tun mit dem Erdöl in der Region und der Tatsache, dass die USA einen treuen und festen Verbündeten gegen arabische Bewegungen brauchen, Nationalbewegungen, die eventuell Verstaatlichungen von Öl fordern; Vergesellschaftung, besser gesagt, nicht Verstaatlichung, Vergesellschaftung der Ölquellen fordern könnten, und eine Bedrohung wären für die Ölversorgung der freien westlichen Welt, wie es dann so schön heißt.
    Jetzt muss man aber nicht besonders schlau sein, um auf die Idee zu kommen: Was passiert, sagen wir mal, in 30 Jahren? Ja? Was passiert in 30 Jahren, wenn es kein Öl mehr in Saudi-Arabien gibt? Und im Irak? Oder fast kein Öl mehr?
    Israels Rolle wird zuendegespielt sein. Es wird keine Notwendigkeit mehr für amerikanische Außenpolitik geben, Israel zu unterstützen (…) Niemand wird jedes Jahr 5 Mrd. Dollar an Israel zahlen, nur um Juden zu schützen. Das ist noch nie passiert und das wird nicht passieren. (…)
    Die Grundannahme, dass Kritik an Israel Antisemitismus ist, führt zu einer absurden Situation: Dass man in einem Konflikt immer so eingreift, dass a) die stärkere Seite noch gestärkt wird, b) das Unrecht, das existiert – nicht das Unrecht, das vor 100 Jahren oder vor 80 Jahren oder vor 70 Jahren stattgefunden hat, sondern das, was heute existiert, – immer weiter verlängert wird, und c)man eine Situation aufbaut, die über kurz oder lang in einer vollständigen Katastrophe zu enden droht. Für alle Beteiligten im übrigen, nicht nur für Juden oder was auch immer, sondern für alle Menschen dort in der Region. Und deswegen, denke ich, ist es unsere Aufgabe und Verantwortung als Linke, gegen dieses absurde Antisemitismus-Argument vorzugehen und für einen gerechten Frieden und Freiheit für Palästinenser einzutreten.
    (Pause)
    Ein Punkt, der angesprochen wurde, war die Legitimität von Israel und die Bezugnahme auf den sogenannten Exodus der Juden aus – der römischen Provinz Palästina übrigens, die hieß damals Palästina.
    Das ist eine Konstruktion in meinen Augen, und ist nicht historisch nachweisbar. Diesen Exodus gibt es in dieser Form, wie er von der zionistischen Seite behauptet wird, so nicht. Es gibt eine Reihe von jüdischen Gemeinden außerhalb Palästinas, schon in den 70er Jahren des ersten Jahrhunderts, also unter römischer Zeit, wo dann auch der zweite Tempel zerstört worden ist in Jerusalem. Das ist eine lange und detaillierte Geschichte, da müssen wir, glaube ich, jetzt nicht ins Detail gehen, aber: Schon zu dem Zeitpunkt, wo dieser Exodus angeblich stattgefunden hat, lebte die Mehrheit der Juden außerhalb von Palästina. Und zwar schlicht und einfach durch Konvertierung. Es gab in Alexandria, was die wichtigste Handels- und Wirtschaftsmetropole der damaligen Zeit gewesen ist, eine ägyptische Stadt, gab es mehr Juden als in Gesamt-Palästina. Durch Konvertierung, nicht durch Auswanderung.
    Und das ist einfach der Punkt: Judaismus ist eine Religion, das muss man sich einfach vor Augen halten. Judaismus ist keine Rasse, es ist kein Volk, es ist keine Ethnie, es ist nicht irgendetwas Derartiges. Es ist schlicht und banal eine Religion, und man kann diese Religion annehmen und sie ausüben, und man kann sie nicht annehmen, man kann sie ablegen und eine andere wählen. Und auf diese Art und Weise hat sich das Judentum verbreitet weltweit. Genauso wie das Christentum, wie der Hinduismus, wie andere Religionen auch auf der Welt sich verbreitet haben. Und es ist völlig absurd zu sagen, wir brauchen einen Staat für Hindus. Und dieser Staat soll nur für Hindus sein und alle Hindus weltweit sollen dahin zurückkehren dürfen. Das ist eine absurde Vorstellung.
    So, und jetzt kommen wir zum Punkt sozusagen, Israel, zurück. Der Nahostkonflikt ist ein politischer Konflikt. In allererster Linie, im Detail vor Ort, geht es um die Kontrolle über das Land; wem gehört das Land, wer darf da leben und wer nicht. Es gibt geostrategische und globale Aspekte, das ist alles angesprochen worden, aber es ist auf jeden Fall ein politischer Konflikt, wie auch immer man ihn betrachtet: Als Konflikt zwischen Nationalitäten oder als kolonialen Konflikt oder was auch immer. Politisch!
    Und das bedeutet, dass eine Kritik dadran erst einmal eine politische Kritik sein muss und auch ist! Man kann diese Kritik unterschiedlich gut formulieren, unterschiedlich sich tief mit der Materie beschäftigen, man kann da relativ platt drangehen und wenig wissen, und die Formulierung der Kritik kann echt total bescheuert ausfallen; aber es bleibt eine politische Kritik, auch wenn sie in der Form nicht immer so ist, wie ich sie mir wünsche.
    Auch wenn sie nicht immer so ist, wie sie sinnvoll ist und wie sie am besten hilfreich ist. Und es ist nicht hilfreich zu behaupten, die Juden hätten das Land geklaut. Das ist a) falsch, weil es sind nicht „die Juden“, die das Land geklaut haben, und b) ist es tatsächlich schlicht und einfach kontraproduktiv, weil es analytisch nicht korrekt ist, analytisch nicht genau ist und uns nicht weiterhilft, uns zu überlegen, wie wir diese Situation überleben können.
    Aber zu sagen, die Juden haben das Land geklaut, ist nicht deswegen bereits antisemitisch. Weil es erst einmal eine Kritik ist an etwas, das real passiert – auch wenn die Analysekategorie nicht funktioniert.
    Und das ist der Unterschied zum Antisemitismus, ja, darüber muss man sich im Klaren sein. Es ist zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte so gewesen, dass es eine Verschwörung von bolschewistischen Juden, Weltjudentum und New Yorker Bankerjuden gegeben hat, um die Welt zu erobern. Diese Art – das ist Antisemitismus. Es ist keine Kritik an einer existierenden Unterdrückung, an einem bestehenden Verhältnis oder, oder, oder … ganz im Gegenteil: Es ist eine Ablenkung von den realen Verhältnissen gewesen. Antisemitismus ist keine politische Kritik an einem Zustand, sondern ist eine Ablenkung von der politischen Kritik an dem Zustand.
    Und das ist ein ganz, ganz großer Unterschied: Israel behauptet von sich, im Namen aller Juden zu handeln. Wenn eine israelische Regierung sich hinstellt und mit diesem Background – „Wir sprechen für alle Juden“ – Palästinenser bekämpft, vertreibt, unterdrückt, ermordet, terrorisiert – und dann Menschen daherkommen und sagen, aus dieser Erfahrung der Unterdrückung heraus, die Juden, guck mal, was die mit uns machen – dann ist das nicht Antisemitismus in meinen Augen. Sondern das ist eine falsch formulierte, aber nichtsdestotrotz im Prinzip richtige politische Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Und das ist der Unterschied zwischen der sogenannten Jüdischen Weltverschwörung, die die Nazis oder die Antisemiten zu entdeckt geglaubt haben, und der Kritik, die wir heute an Israel haben. Das muss uns klar sein.
    Und deswegen finde ich auch die gesamten Diskussionen darüber, ob Hamas antisemitisch ist oder nicht, ehrlich gesagt, überhaupt nicht hilfreich.
    Hamas ist eine Massenorganisation, die Verankerung in der palästinensischen Bevölkerung hat, vor allem im Gazastreifen, aber auch in der Westbank, und auch im Exil. Das ist eine soziale Bewegung, die zum Ziel hat, die sozialen Bedürfnisse der Palästinenser zu erfüllen, und zwar im Gegensatz zu dem, was die PLO gemacht hat in Oslo und in den Jahren danach, nicht durch faule Kompromisse mit Israel, sondern durch Kampf. Durch das einzige, was sie überhaupt noch haben: Den bewaffneten Widerstand. Und wir können sagen: Das war falsch. Wir können sagen: Das war taktisch falsch, das hat nicht zum Ziel geführt – und das ist richtig.
    Besonders die Selbstmordanschläge waren taktisch falsch. Auf jeden Fall haben sie der Sache der Palästinenser geschadet. Der Witz ist: Die Aktion von diesem Mai mit dem Boot, „Breaking the siege of Gaza“, hat zu einem Umdenken geführt. Selbstmordanschläge sind eh keine Methode, die Hamas in den letzten Jahren angewendet hat übrigens, das ist auch so eine Geschichte, es gibt von Hamas aus keine Selbstmordanschläge mehr, seit einigen Jahren nicht mehr, auch die Raketenangriffe auf Israel kommen nicht von Hamas, aber das ist ein anderes Thema; aber das Umdenken, das stattgefunden hat, weil die Erfahrung ist: Wenn Du eine Aktion wie dieses Boot machst, hast Du eine ganz andere, globale Resonanz, Du hast viel mehr Unterstützung, Du kannst Dein Ziel viel besser erreichen mit dieser Art von Aktionen als mit dem, was die bis dahin gemacht haben. Und das bedeutet eigentlich – man muss sich darüber im klaren sein: Palästinenser sind in der jetzigen Situation machtlos. Also in ihrer Verzweiflung können sie ein, zwei Menschen umbringen, aber das ist nicht Macht, das ist nicht Veränderung der Verhältnisse vor Ort. Wir können das, wir können als globale Bewegung etwas erreichen, und dadurch, dass wir diese Schritte machen, sind wir natürlich ein Vorbild und sind wir natürlich auch ein Orientierungspunkt für Aktivisten in der Westbank, und deswegen ist es so wichtig und so gut, dass es die Verbindungen gibt, und dass wir die Zusammenarbeit haben.
    Als wir in Ägypten waren, Anfang des Jahres in Kairo, und versucht haben, die Grenze zu Fuß oder mit Bussen mit 1500 Leuten zu überschreiten nach Gaza, das ist geschehen in Absprache mit unseren Verbündeten in Gaza, und das sind natürlich auch Hamas-Leute gewesen, und das ist wichtig, und das ist richtig, dass wir das machen, und ich werde das immer verteidigen, und ich denke, das ist auch notwendig, dass man immer deutlich macht: Das ist nicht Antisemitismus, das ist berechtigte Kritik an Israel, das ist eine Befreiungsbewegung, die wir zu unterstützen haben.
    .

  2. Kai Ruhsert schreibt:

    Mein Kommentar mit dem Transkript des Vortrags von Stefan Ziefle war nicht zur Veröffentlichung unter meinem Namen, sondern zu Eurer Information gedacht.
    Man muss den Text als ganzes lesen, um ihn bewerten zu können.

  3. Marc schreibt:

    Hallo, ich bin über den pi-news-artikel http://www.pi-news.net/2011/11/was-offenbart-die-mikrofonpanne-von-cannes/ auf Ihren Artikel https://benjaminarendtinstitut.wordpress.com/2011/07/29/islamistischer-antisemitismus/ gestoßen und würde gerne wissen, ob Sie es Interessierten ermöglichen könnten, auch per Email über Neueinträge auf Ihrem Blog zu informieren, wie das etwa bei Blogspot mit FeedBurner geht.

    Danke schonmal für die erhoffte Rückmeldung !

    Gruß,
    Marc

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