Wo lechts und rinks sich treffen Die Linke und die AfD haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam – doch beide haben ein Antisemitismus-Problem. Von Elisabeth Niejahr


Alexander Gauland, der Chef der Alternative für Deutschland (AfD) in Brandenburg, überraschte kürzlich mit der Ankündigung, er könne sich eine punktuelle Zusammenarbeit mit der Linken gut vorstellen. Man habe ja schließlich einiges gemeinsam.

Heute, fünf Wochen später, erscheint diese Behauptung in neuem Licht: Beide Parteien, die Linke und die AfD, haben ein Antisemitismus-Problem. Die AfD vermag nicht, sich von Fans aus dem rechtsnationalen Milieu abzugrenzen. Die Linke muss klären, welchen Raum sie Israel-Hassern und Holocaust-Verharmlosern in den eigenen Reihen geben will. Beide Parteien stehen unter dem Verdacht, wegzuschauen, wenn Mitglieder und Anhänger am rechten Rand Stimmen fischen.

Das Flucht-Video mit Gregor Gysi haben mittlerweile 50.000 Menschen auf YouTube angeschaut. Er eilt zur Toilette, während ihm der kanadische Israel-Kritiker David Sheen nachläuft und ihm Stasimethoden vorwirft. Zwei Parlamentarierinnen vom linken Flügel der Partei, Annette Groth und Inge Höger, hatten Sheen und den Publizisten Max Blumenthal eingeladen; ausgerechnet am 9. November, an dem Jahrestag der Novemberpogrome von 1938, sollten die beiden mit Unterstützung der Fraktion in der Berliner Volksbühne auftreten. Gysi war dagegen. Das nahmen die Gäste ihm übel.
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 48 vom 20.11.2014.

Wenige Tage nach dem Eklat sitzt Annette Groth in ihrem Berliner Abgeordnetenbüro. Vor ihr liegt eine zusammengefaltete Israel-Landkarte. Groth darf nicht nach Israel einreisen, weil sie 2010 gemeinsam mit Höger auf einem Schiff mitfuhr, das die israelische Seeblockade vor Gaza durchbrechen sollte. Sie wollten dazu beitragen, dass Hilfsgüter zu den Palästinensern gelangten.

„Was die israelische Regierung in Gaza gemacht hat, könnte sich kein anderer Staat erlauben“, sagt Groth, und ein wenig klingt das nach den Rechtspopulisten, die dem Westen vorwerfen, Israel aus historischen Gründen zu schonen. Aus den Opfern von einst seien Täter geworden, sagt Groth, „in den Gefängnissen der Israelis sitzen Minderjährige“.

Über dem Kopf der Linken-Abgeordneten hängt ein Poster, dem zufolge besonders viel Mut dazugehöre, Nein zu sagen. Es beschreibt ziemlich genau das gegenwärtige Problem der Linken: Zu einer politisch eindeutigen Sanktion gegen die drei Frauen Groth, Hänsel und Höger ringt sich kein Verantwortlicher durch. Gysi nahm eine Entschuldigung seiner Fraktionskolleginnen schnell an. Parteichef Bernd Riexinger erklärte lapidar, wenn jeder Abgeordnete ausgeschlossen würde, der mal eine Dummheit begehe, sei die Fraktion bald leer.

Nur handelt es sich eben nicht um Dummheiten oder gelegentliche Ausrutscher. Die Geschichte antisemitischer Verirrungen von Linken ist lang. Selbst in Karl Marx’ Kapital gibt es judenfeindliche Passagen. Heute kommen antisemitische Äußerungen der Linken meist als harsche Israel-Kritik daher und ergeben sich aus ihrem Anti-Amerikanismus nach der Regel: Der (israelische) Freund der (amerikanischen) Imperialisten darf unser Freund nicht sein.

Außerdem wirkt das Verhältnis der einstigen DDR-Führung zu Israel nach. Die SED nahm für sich in Anspruch, im Gegensatz zur westdeutschen Politik mit dem Nazi-Erbe aufgeräumt zu haben. Ihr galt der Holocaust nicht mehr als Grund für Rücksichtnahmen. Nur aus dieser Logik ist die Forderung einzelner Vertreter des linken Parteiflügels zu verstehen, das Verhältnis zu Israel sei zu „normalisieren“.

Das alles führt dazu, dass die Linke immer wieder durch Erklärungen mit antisemitischem Sound auffällt. Im Juli rief beispielsweise Solid, die Jugendorganisation der Linken in Nordrhein-Westfalen, mit einer derart einseitigen Israel-Kritik zu einer Demonstration auf, dass Neonazis mitmarschierten und die Facebook-Seite von Solid mit zustimmenden Kommentaren von rechts außen überschwemmt wurde. Die Abgeordnete Höger verteidigte den Aufruf. Vor drei Jahren ließ sie sich bei einer Veranstaltung einen Palästinenserschal umhängen, auf dem eine Landkarte eingezeichnet war, auf der Israel fehlte.

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Über benjaminarendtinstitut

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der systematischen wissenschaftlichen Untersuchung des SED Kommunismus und des Nationalsozialismus, sowie bei der Aufklärung der Bevölkerung über diese beiden Diktaturen in Deutschland. Zum Inhaber Thomas Schalski-Seehann: Thomas Schalski-Seehann studierte an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg (jetzt Universität Hamburg) Soziologie mit Schwerpunkt in politische Soziologie und an der Universität Haifa, Israel Middle East Studies. Im Rahmen seines Studium beschäftigte er sich mit der Soziologie des Antsemitismus sowie der politischen Philosophie von Hannah Ahrendt und Walter Benjamin. Seine Diplom Arbeit schrieb er über die Jüdische Emanzipation in der Aufklärung.
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